17. März 2010

Zöliakie – einst Kinderkrankheit, heute bei Erwachsenen enorm im Vormarsch

 Zöliakie, die Glutenunverträglichkeit, die früher als „Kinderkrankheit" betrachtet wurde, wird nun immer häufiger erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Die einzige Therapie ist nach wie vor eine lebenslange glutenfreie Ernährung - bereits nach einigen Wochen stellt sich jedoch Besserung ein. Das Problem: Die Symptome sind vielfach untypisch, die Krankheit wird oft lange nicht erkannt.

 

Zöliakie im Erwachsenenalter ist weit verbreitet und auch enorm im Zunehmen. Gastroenterologe Univ.-Prof. Dr. Harald Vogelsang im Rahmen der letztjährigen Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie: „Laut aktueller Daten dürfte die Prävalenz der Zöliakie deutlich höher sein als noch vor kurzem angenommen. Man geht in Europa von ein bis zwei Erkrankungen auf 100 Personen aus. Wobei Studien bei jüngeren Jahrgängen eine deutlich höhere Prävalenz zeigen - besonders um das 40. Lebensjahr zeigt sich eine deutliche Konzentration der Erkrankungsfälle." Das Problem: Mehr als 60 Prozent der Fälle verlaufen atypisch, also nicht mit den klassischen Symptomen das Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall. Und deshalb werden viele der Betroffenen wenn überhaupt, auch erst im Erwachsenenalter diagnostiziert,


Gastroenterologe Univ.- Prof. Dr. Heinz Hammer von der Universitätsklinik Graz anlässlich einer Fortbildungsveranstaltung der Ärztekammer Steiermark bei der die Zöliakie ebenfalls Thema war: „Im Erwachsenenalter wird die Zöliakie oft erst nach jahrelangen diagnostischen Irrwegen erkannt. Sehr häufig bestehen jahrelang Symptome, die aber nie so stark ausgeprägt sind, dass medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden muss. Gelegentlich werden weniger stark ausgeprägte Symptome auch als funktionelle Magen-Darm-Beschwerden abgetan. Denn obwohl der Durchfall als ein typisches Symptom der Zöliakie angesehen wird, schließt ein normaler Stuhl eine Zöliakie nicht aus. Häufig bestehen variabel ausgeprägte Schmerzen und Flatulenz. Gelegentlich wird eine Zöliakie im Rahmen der Abklärung von unerklärbarer Müdigkeit und anderen Zeichen eines Eisenmangels oder einer Anämie diagnostiziert."

Vogelsang: „Während die Antikörperdiagnostk zwar einen wichtigen Hinweis auf eine Zöliakie liefert, muss die Diagnose nach wie vor durch Gastroskopie und Biopsie der Duodenalschleimhaut gestellt werden. Grund dafür ist die Möglichkeit einer anitkörpernegativen Zöliakie sowie eines IgA-Mangles, der die Antikörperdiagnostik erschweren kann. Wird eine Zöliakie festgestellt, sollten übrigens auch Verwandt ersten Grades wegen ihres erhöhten Risikos zumindest auf Antikörper getestet werden,."


Die einzige Therapie besteht übrigens nach wie vor in einer glutenfreien Ernährung, die lebenslang konsequent durchgehalten werden muss. Diese Diät sollte jedoch nie vor der definitiven Diagnose begonnen werden, da sonst Antikörper- und Histologie-Befunde verwischt und eine gezielte Gluten-Exposition notwendig werden könnten. Unter der entsprechenden Diät bessern sich allfällige Beschwerden innerhalb von Wochen. Die meisten Patienten verlieren innerhalb eines Jahres die Antikörper, die Erholung der Duodenalschleimhaut dauert jedoch mindestens zwei Jahre.


Wird Zöliakie nicht diagnostiziert, demnach auch nicht behandelt beziehungsweise wird die Diät nicht konsequent eingehalten, besteht ein deutlich erhöhtes Risiko von Lymphomen und anderen Erkrankungen wie Osteoporose oder Eisenmangelanämie. Hammer: Unbehandelte Zöliakiepatienten leiden auch vermehrt unter Amenorrhö, Spontanaborten oder Impotenz. Auch psychologische Veränderungen oder Psychosen können mit Zöliakie assoziiert sein."


Was die möglichen Ursachen der Zöliakie anbelangt, so hat sich das Bild in letzter Zeit vervollständigt. Vogelsang: „Heute nimmt man an, dass bei Belastungen wie Infektionen, Operationen oder auch Schwangerschaften vermehrt Gliadin durch die Darmschleimhaut passieren kann, in der Darmwand von Enzymen deaminiert wird und dann an Rezeptoren der Makrophagen ankoppeln kann. Die Voraussetzung für diesen pathologischen Prozess dürfte eine entsprechende genetische Veranlagung sein, wobei zahlreiche Gene unter Verdacht stehen."


Übrigens: In der EU ist bei Lebensmitteln die als „glutenfrei" deklariert sind ein Glutengehalt von 10 mg Gluten pro 100 Gramm Nahrungsmittel erlaubt. Verboten sind für Zöliakiepatienten alle Lebensmittel, die aus Weizen, Dinkel/Grünkern, Roggen, Gerste oder Kamut hergestellt werden (Mehl, Grieß, Malz, Brot, Gebäck, Brösel, Teigwaren, Knödel, Saucen, Kuchen und Waffeln). Für Hafer gibt es neuerdings Berichte, dass dessen Gluten unschädlich sei. Eine allgemeine Empfehlung über die Rolle des Hafer in der Diät kann allerdings noch nicht ausgesprochen werden, da die Reinheit von Haferprodukten nicht garantiert werden kann. Die häufigsten Ursachen eines Diätversagens sind Beimengungen von Gluten in versteckter Form, wie dies oft bei Halbfertig- und Fertigprodukten der Fall ist.